Bei Streit & Stress einen kühlen Kopf bewahren - oder warum Schwarzweissdenken nicht weiterhilft


Bei Stress, in Konflikten und Problemsituationen sehen wir oft nur noch schwarz-weiss.

Es kommt zum sogenannten Tunnelblick. Dieser ist oft auch begleitet von physischen Symptomen wie Anspannung, Schweissausbruch, Kurzatmigkeit etc.

"... Wir erleben eine Beeinträchtigung der sinnlichen Wahrnehmungsfähigkeit...", schreibt Friedrich Glasl, eine Koryphäe in Konfliktklärung (Glasl: 25). Wir sehen unsere Probleme, Situationen oder Konfliktparteien nur noch in schwarz-weiss, gut-böse, richtig-falsch. "Vielseitige und komplexe Dinge oder Situationen werden nur noch simplifiziert wahrgenommen." (Glasel: 26)


Wir erleben Probleme aufgrund einer Diskrepanz zwischen dem, was wir gerade erfahren, dem IST-Zustand (schwarz), und dem was wir uns wünschen, also dem SOLL-Zustand (weiss), sagt Gunther Schmidt, der Begründer der hypnosystemischen Therapie (Schmidt: 61).


Ein Beispiel: Frau Müller muss einen Geschäftsbericht vor versammelter Mannschaft präsentieren und sie hat die Erwartung an sich, den Bericht locker und souverän präsentieren zu können (SOLL).

Sie erlebte sich in der Vergangenheit aber als unsicher und schwach in solchen Situationen (IST).

Diese Diskrepanz führt sozusagen in den schwarzen Tunnel.


Dabei ist unsere Situation viel komplexer, reichhaltiger und differenzierter als bloss schwarz und weiss. Niemand und nichts ist nur gut oder böse, kompetent bzw. inkompetent, nützlich oder unnütz usw. Gunther Schmidt schreibt: "Kein Phänomen "ist" an sich eine Kompetenz oder Inkompetenz, eine Ressource oder Nichtressource. Jedes Phänomen kann aber als Kompetenz oder Inkompetenz wirken." (92). Mit anderen Worten: Unsere Beurteilung entscheidet darüber, wie wir mit Problemen umgehen und ob wir sie lösen können.


Zwischen unserem Schwarz von heute und unserem Weiss der Zukunft liegen ganz viele Grautöne.

Die Grautöne stehen für all die Möglichkeiten und Ressourcen, die wir in uns tragen, die es uns möglich machen, uns aus der Falle zu befreien. Diese Möglichkeiten und Ressourcen können wir nutzen, um uns zu wandeln. Sie schlummern sogar in jenen Bereichen, die wir als schwierig empfinden und die evtl. zum Problem beitragen.

Damit wir diese Schattierungen aber sehen und den Weg aus dem Tunnel finden können, braucht es einen Perspektivenwechsel.


Die Frage ist also nicht, ob wir problematische Situationen erleben, sondern ob wir diesem Problem auch etwas Positives abgewinnen und damit einen neuen Zugang zur Problemsituation schaffen können. Dieser Zugang macht es uns möglich, in der nächsten Situation uns dem gewünschten Zustand oder Verhalten anzunähern. Dies hat Milton Erikson Utilisation genannt.


Eine Utilisation funktioniert so: Wir setzen uns in einer freien Minute hin, schliessen die Augen und versetzen uns in eine bekannte Problemsituation hinein. Im nächsten Schritt stellen wir uns unser Problem als eine Art Person neben oder hinter uns vor. Vielleicht können wir dem Problem einen menschlichen Vornamen geben und mit ihm/ihr in den Dialog kommen. Im Gespräch würdigen wir sie/ihn, indem wir nach ihrem/seinem Nutzen für unser Leben fragen. Durch diese sogenannte Dissoziation schaffen wir Distanz zwischen uns und dem Problem und geben uns damit die Möglichkeit, uns vom Tunnelblick zu befreien.

Dadurch beurteilen wir unser Problem nicht einfach als gut oder schlecht. Sondern es hilft uns zu differenzieren. Dies wiederum hilft uns, uns aus der Blockade zu lösen.


Wir können einen kühlen Kopf bewahren, uns entspannen, durchatmen und einen neuen Weg beschreiten. Wir sehen nicht mehr nur schwarz-weiss, sondern ganz viele Grautöne, die uns den Weg in unsere weisse Zukunft bahnen.






Bibliographie:

  • Friedrich Glasl, Selbsthilfe in Konflikten, 8. Auflage 2017, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart

  • Gunther Schmidt, Einfürhung in die hypnosystemische Therapie und Beratung, 9. Auflage 2020, Carl-Auer Verlag GmbH, Heidelberg

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